Ist die Gemeinwohl-Ökonomie ein Modell für regeneratives Wirtschaften?

Ist die Gemeinwohl-Ökonomie ein Modell für regeneratives Wirtschaften?

8 Prinzipien regenerativen Wirtschaftens

Teil 1 – Die Gemeinwohl-Bewegung

Diese Frage möchte ich in zwei Artikel in den kommenden Tagen beleuchten. In diesem ersten Artikel geht es um die Betrachtung der Gemeinwohl-Ökonomie Bewegung. Im zweiten dann um die Gemeinwohlbilanz als Tool für regenerativen Wandel.

Als Referenz für die Analyse werden die 8 Prinzipien regenerativen Wirtschaftens dienen, welche von einem der führenden Experten zu regenerativem Wirtschaften, dem Capital Institut unter John Fullerton entwickelt wurden.

1. In der richtigen Beziehung 

Dieses erste Prinzip dreht sich darum, Teil eines verbundenen Netz des Lebens zu sein.

Die GWÖ Bewegung entwickelt sich dezentral und energieorientiert. Dort wo sich Menschen finden, die der Vision folgen bildet sich eine neue Keimzelle. Aus den Kompetenzen der beteiligten Menschen entsteht Wachstum. Mal stärker auf die Gesellschaft bezogen, mal in die Politik und Kommunen oder in die Wirtschaft hinein. So entstehen lebendige Netzwerke für soziale, kulturelle und nachhaltige Entwicklung.

Gleichzeitig sind diese dezentralen Einheiten auf unterschiedlichste Weise verbunden. Auf persönlicher Ebene, durch themenorientierte Gruppen oder durch gemeinsame Veranstaltungen, wie der Sommerwoche.

Verbundenheit zu spüren und zu stärken ist für mich ein zentrales Element der GWÖ.

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2. Reichtum ganzheitlich betrachten 

Reichtum besteht nicht nur aus Geld. Es geht im zweiten Prinzip um einen ganzheitlichen Blick auf Reichtum.

„Für ein gutes Leben für alle“ ist einer der Kernaussagen der GWÖ. Ein gutes Leben zeichnet sich nicht durch finanziellen Reichtum aus. Es zeichnet sich nicht durch ein „Möglichst viel haben“ aus. Sondern es zeichnet sich durch Menschen aus, welche Ihr Denken und Handeln an den globalen Werten Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Transparenz und Mitentscheidung ausrichten.

 Ziel der Bewegung dabei ist, regionale Communities mit mehr Lebendigkeit und Wirksamkeit zu füllen und sich gemeinwohlorientiert zu entwickeln.

Ob dabei dem Reichtum unseres Planeten ausreichend Raum gegeben wird, werden wir im zweiten Teil dieser Serie näher betrachten. Der Kern dieses Prinzipes wird aber sicher gelebt.

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3. Innovativ, anpassungsfähig, reaktionsschnell 

Das dritte Prinzip dreht sich um die Anpassungsfähigkeit der Organisation, um schnell und innovativ auf veränderte Rahmenbedingungen zu reagieren.

Die Wahrheit ist, dieser Punkt hat wohl das größte Entwicklungspotenzial, um den regenerativen Gedanken in der Gemeinwohl-Ökonomie Bewegung umzusetzen. In der Theorie sind alle Elemente enthalten.

Doch zum aktuellen Entwicklungsstand der Bewegung haben sich Strukturen entwickelt, die alles andere als reaktionsschnell sind. Eine der zentralen Ursachen ist ein unausgesprochener basisdemokratischer Gedanke, der in Strukturen, wie der jährlichen Delegiertenversammlung, manifestiert wurde.

Leben lässt sich zum Glück nicht einsperren, an vielen dezentralen Stellen entstehen Initiativen, welche diese Blockade der Entwicklung umgehen und Momentum generieren. Dieses wird – und hier bin ich mir sehr sicher – zu gegebenem Zeitpunkt zu einer strukturellen Veränderung führen.

Mit der Soziokratie ist ein passendes, regeneratives Organisationsmodell formuliert. Und erste dezentrale Gruppen, setzen dies für Ihre Kreise um.

Das internationale Wachstum oder die Integration in europäische Gremien wie das EFRAG lassen aktuell noch eine stärker geführte Entwicklung, in klassischen Organisationsstrukturen durch starke Führungspersonen notwendig erscheinen. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis sich eine klare Kreisstruktur mit formulierten Domainen durchsetzen wird.

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4. Gestärkte Partizipation 

Wie kann jeder Teil des Ganzen auf irgendeine Weise zur Gesundheit des Ganzen beitragen? Dieser Frage widmet sich das vierte Prinzip.

Wie unter 1. Der richtigen Beziehung beschrieben, bringen alle Aktive Ihre Stärken und Interessen in die Bewegung ein. Das ist für neue Aktive oftmals irritierend, dass Ihnen keine Aufgabe zugeordnet wird, sondern sie eingeladen werden zu spüren bei welchen Themen Sie Resonanz haben und Energie verspüren sich zu engagieren.

Das sind oftmals Kompetenzen, welche die Menschen schon mitbringen. Aber ebenso oft gespürte Kompetenzlücken in der jeweiligen Gruppe, welche die Weiterentwicklung verhindern.

Die Gemeinwohl-Ökonomie Bewegung fordert von jedem Menschen sich  an den eigenen Bedürfnissen reflektiert in die Entwicklung und das Wohlergehen der Gruppe einzubringen. Mit partizipativem Entscheidungsverfahren wie dem systemischen Konsensieren wird dies auch strukturell eingefordert.

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5. Ehrt Gemeinschaft und Ort

Regeneratives Wirtschaften fördert einzigartige, gesunde und resiliente Gemeinschaften, welche den Geist der jeweiligen regionalen Kultur atmen.

Wie sieht es damit in der GWÖ Bewegung aus? Mittlerweile ist die Bewegung in 34 Länder gewachsen und es ist anzunehmen, dass eine Gruppe in Deutschland anders funktioniert als eine in UK, Spanien oder Lateinamerika. Die dezentralen Gruppen werden von den Menschen gestaltet, die sich engagieren.

Zumindest in den deutschen Gruppen zeigt sich aktuell, dass oftmals keine kulturelle und ethische Vielfalt herrscht. Die Erkenntnis ist da, auch erste Maßnahmen sind am Entstehen. Wie sich das weiterentwickelt, wird nur die Zeit zeigen.

Aber ehren wir wirklich Gemeinschaft und Ort? Ist uns hier in Ulm der Albaufstieg heilig, in Hamburg die Elbe oder im Schongau die Berge. Machen wir uns auf unsere Verbindung zu Landschaft und Mitwelt als wichtigen Teil des Lebens wahrzunehmen?

Mir fehlen Einblicke in die regionalen Arbeiten der GWÖ, als dass ich hier abschließend eine valide Meinung äußern kann. Meine Vermutung ist, hier ist ebenfalls noch viel Raum zur Entwicklung.

Checkmark red

6. Kanteneffekt-Fülle

An den Rändern von lebendigen Netzwerken ist die kreative und innovative Fülle oftmals überwältigend. Ränder sind nicht so stark in die dominanten Muster des Netzes eingebunden.

In der Gemeinwohl-Ökonomie sind diese Ränder die Menschen in den Regionalgruppen.

Und hier zeigen sich für mich zwei Dinge.

Wir leben in einer Fülle kreativer Ideen. In jeder Regionalgruppe gibt es innovative und wegweisende Angebote, um die Bewegung weiterwachsen und gedeihen zu lassen.

Gleichzeitig frage ich mich, ob wir diese Fülle tatsächlich zu schätzen wissen?

Es fehlt uns teilweise schwer auf bunte Blumen zu zeigen, die nicht im eigenen Garten gewachsen sind. Die Fülle bleibt so oftmals unsichtbar. Und vielleicht zu oft sollen aus wunderbaren Aktionen am Rand des Netzes, vorgegebene Muster im ganzen Netz werden. Dabei steckt so viel Energie darin, sich inspirieren zu lassen und aus dieser Inspiration wieder etwas Neues zu entwickeln.

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7. Robuste Kreisläufe

Unser lebendiger Planet basiert auf komplexen ineinander verwobenen Kreisläufen des Lebens – Sauerstoff, Nährstoffe, Gesundheit um nur drei zu nennen.

Finden sich in der Bewegung heute schon gesunde Kreisläufe? Eine schwierige Frage.

Da wären zum einen zyklische Veranstaltungen. Da Feedback und Reflexion elementarer Bestandteil unserer Veranstaltungsplanung sind sehe ich hier einen Kreislauf. Erfahrungen werden in das Konzept der kommenden Veranstaltung integriert.

Geldkreisläufe sind ehr schwierig. Zwar gibt es auch hier zyklische Prozesse der Planung, ob Maximierung der regenerativen Wirkung ist dabei aber wahrscheinlich kein Entscheidungskriterium, sondern ehr, wie weiteres Wachstum gestaltet werden kann.

Was Wissen angeht, gleicht die Suche danach im Wiki ehr der Suche nach Gold als einem dynamischen Kreislauf. Vielleicht wird zu selten Wissen aktiv geteilt? Vielleicht haben wir noch keinen Kreislauf entwickelt, in dem Wissen über die entsprechenden Kreise hinaus wachsen und gedeihen kann?

Tatsächlich glaube ich, dass in diesem Prinzip noch sehr viel Potenzial steckt. Biomimikry lässt sich auch in der Organisationsentwicklung einsetzen. Wir als Bewegung können noch viel von biologischen Systemen und Kreisläufen lernen.

Checkmark red

8. Sucht Balance

Regenerative Systeme sind immer damit beschäftigt sich in Balance zu bringen.

Auch wenn es manchmal nicht so aussieht, wie in einem zarten Tanz richtet sich die Gemeinwohlbewegung immer wieder neu aus. Eine neue Regionalgruppe, ein neues bilanziertes Unternehmen, ein neues Land, aus der zarten Pflanze ist nach 11 Jahren ein staatlicher Baum geworden der stabil verwurzelt ist, aber an dem auch Stürme nicht unbeschadet vorrübergehen. Immer wieder werden die Bestandteile in Einklang gebracht, Effizienz und Zusammenarbeit gestärkt und kreatives Wachstum unterstützt.

Wenn dann scheinbare Kleinigkeiten diese Balance massiv stören, deutet das nicht auf fehlende Resilienz der Bewegung hin, es zeigt nur auf, dass in der Bewegung Menschen aktiv sind. Auch für jeden einzelnen gilt es innere Balance zu erlangen. Und da haben wir, mal mehr mal weniger, noch ebenso viel Entwicklungsarbeit vor uns selbst als der große Rest der Gesellschaft.

Checkmark grün

Fazit

Ist die Gemeinwohl-Ökonomie ein regeneratives System? Bei fünf der acht Prinzipien sehe ich für mich dort ein sehr klares Ja. Bei dreien bin ich unschlüssig, bzw. sehe das aktuell ehr nicht.

Entscheidend sind für mich daher das 3. und  8. Prinzip. Ist die Bewegung bereit sich immer wieder zu hinterfragen, sich anzupassen und eine neue Balance zu finden? Und hier sehe ich sowohl den Wille als auch die Fähigkeit. Die Geschwindigkeit mag einem da manchmal nicht schnell genug sein, aber das ist ehr ein individueller Schatten des veralteten Narrativs „schneller, höher, weiter“, als ein Problem der Bewegung.

Die Zeit wird zeigen, dass sich die Bewegung weiter an die Prinzipien regenerativen Wirtschaftens anpassen wird, die Grundlage dafür ist im gesäten Samen bereits vorhanden.

Ich freue mich auf jeden Fall weiterhin, Teil des Lebens dieser Bewegung zu sein, für eine regenerative Zukunft und ein gutes Leben für alle.

Eine Antwort

  1. Jörn sagt:

    Schöne Analyse, der ich mich gut anschließen kann!

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